Bibliographie

Auszüge aus Stellungnahmen zur Problematik von Schuld und Vergebung nach Simon Wiesenthals Buch "Die Sonnenblume"

 

In seiner Erzählung „Die Sonnenblume“ schildert Wiesenthal, wie er als Häftling in Lemberg ans Krankenbett eines sterbenden SS-Mannes gerufen wurde, der vor seinem Tode von einem Juden eine Art Absolution für seine begangenen Taten suchte. Wiesenthal aber verließ nach dessen langer Beichte wortlos den Raum. Er legt in seinem Buch dar, warum er jenen Mann, der ihm im Todeskampf seine Verbrechen gestand, nicht vergeben konnte – er hatte nach seinem Dafürhalten nicht die Macht, ihm im Namen anderer zu verzeihen. Die Frage nach Schuld und Vergebung ließ Simon Wiesenthal jedoch nicht los. So schreibt er in seiner Erzählung:


Ich denke oft an den jungen SS-Mann. Er kehrt zu mir zurück, wenn ich eine Krankenschwester sehe, wenn ich einem Mann mit Kopfverband begegne. Oder wenn ich eine Sonnenblume sehe (…) Oft habe ich mir vorzustellen versucht, wie sich wohl jener junge SS-Mann ein Vierteljahrhundert danach als Angeklagter verhalten hätte. (…) Wenn ich die aufsässigen Antworten und das höhnische Grinsen vieler Angeklagter sehe, dann kann ich mir nur schwer vorstellen, dass auch jener junge SS-Mann so reagiert hätte. (…)
Das alles sind Überlegungen, die für ihn sprechen. Und dennoch – hätte ich, hätte überhaupt jemand, ihm verzeihen sollen, verzeihen dürfen?
Aber die Welt von heute verlangt von uns, dass wir auch denjenigen verzeihen, die uns durch ihre Haltung immer wieder provozieren. Sie verlangt von uns, dass wir einen Schlussstrich ziehen, als sei nichts Wesentliches geschehen.
Und viele von uns, die in jener grauenvollen Zeit gelitten haben und die sich manchmal noch in ihren Gedanken jener Hölle verhaftet fühlen, sind vor diesem Verlangen nach Verzeihen verstummt.
Diese Frage wird alle Prozesse überleben und auch dann noch aktuell sein, wenn die Verbrechen der Nazis längst einer fernen Vergangenheit angehören.
Deshalb richte ich sie an Menschen, von denen ich glaube, dass sie etwas zu sagen haben. Sie soll als Aufruf dienen. Denn das Geschehen, das sie hervorgebracht hat, kann sich wiederholen.

 

 

Auszüge aus Stellungnahmen zur Problematik von Schuld und Vergebung nach Simon Wiesenthal’s Buch Die Sonnenblume

 

Friedrich Torberg

Ich glaube, dass ein solches Buch für sich selbst sprechen muß – und glaube, dass Die Sonnenblume das im höchsten Grade tut. Sie braucht weder „Empfehlung“ noch „Stellungnahme“. Mich hemmt eine nahezu unüberwindliche Scheu, über Bücher dieser Art – zumal wenn sie (wie das Ihre) auf wirklich Erlebtem beruhen – ein „Urteil“ abzugeben. (…)
Vielleicht wissen Sie, dass meine Novelle Mein ist die Rache sich mit einem ähnlich unlösbaren Problem auseinandersetzt. Die Frage nach dem Recht auf Vergeltung, die ich dort stelle, lässt sich so wenig beantworten wie die von Ihnen gestellte Frage nach dem Recht auf Verzeihung. Aus einer Bedrängnis, die der Ihren sehr nahe verwandt ist, glaube ich mich zu der Meinung berechtigt, dass es nicht darauf ankommt, solche Fragen zu beantworten, sondern sie zu stellen. Wenn Sie heute, nach allem, was Sie erlebt haben, noch immer von der Frage belastet sind, ob Sie jenem Nazi-Mörder hätten verzeihen sollen, so ist das ein weit gültigeres Zeugnis einer intakten Moral, als wenn Sie ihm verziehen hätten. Um diese intakte Moral – das möchte ich hoffen und das möchte ich ihrem Buch mitgeben – sind wir den anderen voraus, allen, den Mördern und denen, die zu den Morden geschwiegen haben und heute noch schweigen.

 

 

Kurt Schuschnigg

(…) Darf man aber nicht vergessen, dann sind auch dem „Vergeben“ enge Grenzen gezogen. Eines ist sicher: Haß- und Revanche-Ideen sind unfruchtbar wie alle Kettenreaktionen; dies deshalb, weil sie verallgemeinern und Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen treffen. (…)
Nach dem Szenarium der Sonnenblume war der junge, tödlich verwundete SS-Mann aus Stuttgart kein von Haus aus schlechter Mensch, denn er hatte Gewissen. Trotzdem war er in eine der Scheußlichkeiten verstrickt, die jenseits aller Kriegsgesetze stehen. Er hat offenbar nicht zu jenen gehört, die aus Anlage, Erziehung oder aus beidem, dem Sadismus und der Lust am Quälen um des Quälens willen frönten. Er war nicht einer von denen, die der Materialismus des Herrenmenschen-Unsinns in jungen Jahren ganz und gar pervertiert hat.
Trotzdem hatten ihn die Jahre der SS-Erziehung so korrumpiert, dass er wahrscheinlich im Blutrausch, der mit Krieg und Soldatentum gar nichts zu tun hat, auf Befehl einfach mittat. Das Resultat: er handelte, wie kein anständiger Soldat, in welcher Situation auch immer, handeln durfte. Er kann sich auch nach der Lage des Falles nicht eigentlich auf Befehlsnotstand berufen. Er war einer von vielen. Er hätte, wenn es schon keine Möglichkeit zur Absentierung gab, in die Luft schießen oder Ladehemmung haben können; er hätte sich aus der Affäre ziehen müssen. (…)
War es unmenschlich, den Sterbenden nach dem Anhören seines Anliegens wortlos zu verlassen und damit die letzte Bitte schweigend abzuschlagen? Bestimmt nicht. Aber es war menschlich, dem Mann an der Grenze von Leben und Tod den letzten Wunsch, nämlich das Anhören, zu erfüllen. (…) Er hat bereut und den gewünschten Zeugen seiner Reue gefunden. Und er hat gefühlt, dass ihm geholfen war. Nur so erklärt es sich, dass er dem stummen jüdischen Besucher – die letzte menschliche Begegnung, die er sich wünschte – seine verbliebenen Habseligkeiten als Erinnerung zustellen wollte.
Als die Krankenschwester nach dem Tode gerade dabei war, das auszuführen, hat dieser die Annahme verweigert, was begreiflich ist. Dennoch trug er die Erinnerung an das Erlebnis mit sich und war vermutlich der einzige, der nach dem Krieg mit der Mutter des Toten über den Sohn sprach.
Die Sonnenblume wirft düstere, aber schließlich doch versöhnende Schatten.

 

 

Luise Rinser

Ich selbst sah mich nach Kriegsende der Frage des Verzeihens gegenübergestellt. Mich hatten 1944 ehemalige Freunde denunziert. Ich kam ins Gefängnis, und am Volksgerichtshof Berlin lief ein Prozeß gegen mich, der damals nur mit dem Urteil auf Todesstrafe enden konnte. Das Ende des Kriegs bedeutete meine Rettung. Ich konnte 1945 jene Denunzianten den Amerikanern ausliefern. Ich hätte später verhindern können, dass sie wieder in ihren Beruf (Volksschullehrer) zurückkehrten. Ich tat nichts davon. Warum nicht? Als später die ehemalige Freundin sich brieflich „entschuldigte“ und mich um Verzeihung bat, antwortete ich ihr: „Du entschuldigst Dich bei mir. Das ist unnötig und sinnlos. Unnötig, denn für mich persönlich sind die Leiden des Gefängnisses weit überwogen von dem geistigen Gewinn aus jener Zeit. Deine Entschuldigung ist sinnlos, denn sie kommt zu spät und sie kommt aus einer unsauberen Quelle. Dein Glaube an Hitler ist zusammengebrochen genau in dem Augenblick, als der National-sozialismus zusammenbrach. Deiner Wandlung liegt nicht die Erkenntnis der Unwahrhaftigkeit, Bosheit, Dummheit und Unmenschlichkeit jenes Regimes zugrunde, sondern lediglich die bittere Erfahrung seiner Unhaltbarkeit. (…) Nein, ich nehme Deine Entschuldigung nicht an. Was ich weder vergessen noch verzeihen kann, das ist der Haß, der aus Deinen Augen sprach bei unserer Gegenüberstellung beim Reichssicherheitsdienst in Berchtesgaden. Das warst nicht Du, das war der Wahnsinn, der Dich ergriffen hatte, genauso, wie er die vielen andern ergriffen hatte. Aber nun laß uns Schluß machen mit Haß, Blut und Tod. Was wir wollen, wir, die Überlebenden, die etwas gelernt haben in jenen Jahren, das ist Friede und Menschlichkeit“ (Aus meinem „Gefängnistagebuch“, erstmals erschienen 1946.)

 

Golo Mann

Kaum eine andere Schrift hat den Unterzeichneten in diesen Jahren so bewegt, wie der Bericht Simon Wiesenthals, genannt Die Sonnenblume. In seiner Kunstlosigkeit trägt er den Stempel des absolut Wahren. Dies Wahre wirkt so, wie der Judenmord immer wirkt, wenn man mit ihm im Erlebnis, nicht auf dem Umweg über kluge und überkluge Studien, konfrontiert wird: man schämt sich, Mensch zu sein, man verliert, wenigstens für den Moment, jede Hoffnung.
Der Autor wünscht „Stellungnahmen“. Das heißt wohl, er wünscht, dass andere ihm sagen, ob er recht gehandelt habe, als er jenem sterbenden jungen SS-Mann eine Geste der Vergebung verweigerte. Aber können wir ihm diese Entscheidung nachträglich abnehmen? Für meine Person fühle ich, dass ich es nicht kann. Um es zu tun, müsste ich mich zuerst in die Lage versetzen, in welcher er damals war; in die unvorstellbar grauenvolle Lage des Sklaven, der seine Kameraden täglich sterben sieht, gequält und gemordet werden sieht, und das gleiche Schicksal täglich zu gewärtigen hat. In solche Lage kann ich mich ernsthaft nicht versetzen, weil ich weiß, dass ich sie nicht ausgehalten hätte. Denn ich bin ein schwächerer Mensch als Simon Wiesenthal. Und so hätte ich vielleicht gewährt, was er nicht gewährte; nicht aus überlegener Güte oder christlicher Nächstenliebe, sondern eben aus Schwäche. Soll ich den tadeln, der in tiefster Erniedrigung und höchster Not stärkeren Stolz und Charakter bewies? (…)
Wenn er selber von dieser Einzelerfahrung nicht loskommt, wohl, weil er sie für beispielhaft hält, so ist das Sache seines eigenen Gewissens. Ich kann nur sagen, dass ich ihn nach der Lektüre seines Berichtes noch höher achte als vorher.

 

Manès Sperber

(…) War der junge SS-Mann zwar schuldig, so war er es doch anders als die Organisatoren der Vernichtungslager und die Komplizen des Genocids. Im Gehorsam gegenüber einer verbrecherischen Führung vergrößerte er die Schuld, die er auf sich lud, als er sich politisch den Verderbern bedingungslos zur Verfügung stellte. Dies bleibe unbestritten, doch ist es nicht weniger wahr, dass er am Ende gegen sich selbst Anklage erhob. Als Angeklagter ist er in unseren Augen verurteilt und verworfen, als Kläger gesellt er sich den Opfern wieder zu.
Dennoch hätte Simon Wiesenthal recht, ihm die Verzeihung nicht zu gewähren, jedenfalls nicht im Namen des gemarterten Volkes, das damals wie jetzt niemandem solche Mission anvertraut hat. Wäre aber jener junge Mann am Leben und der Gesinnung treu geblieben, die ihn in den letzten Stunden seines Lebens quälte und vielleicht gar verklärte – wäre er heute noch unter uns, würde Wiesenthal ihn verurteilen? Ich glaube es nicht. Und mich dünkt, dass auch ich jenen SS-Mann heute nicht verurteilen könnte.

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