Beispiele wichtiger Fälle

Franz Stangl

geboren 26. März 1908 in Altmünster, gest. 28. Juni 1971 im Gefängnis in Düsseldorf

Der Polizeibeamte aus Oberösterreich und illegales NSDAP-Mitglied, Franz Stangl, stieg in der SS bis zum Hauptsturmführer auf. Nach seiner Tätigkeit als Gestapoagent in Linz, wurde er nach Berlin versetzt, wo er zum Polizeichef eines Sonderinstituts der Gemeinnützigen Stiftung für Anstaltspflege in der Tiergartenstraße 4 ernannt wurde. T4, wie die Stiftung nach ihrer Adresse genannt wurde, stand als Kürzel für das Euthanasieprogramm. Ende 1940 wurde Stangl in der Euthanasieanstalt Hartheim als Sicherheitsoffizier unter Christian Wirth, dem Inspektor des gesamten NS-Euthanasieprogramms, eingesetzt. Diese T4-Anstalt war Versuchs- und Lehrstätte für die industrielle Tötung von Menschen. Hier erfolgte die technische und psychologische Ausbildung Stangls sowie die vieler anderer Verantwortlicher für die Vernichtungsaktionen im Rahmen der Aktion Reinhard. Diejenigen unter ihnen, die sich qualifizierten, kamen zu den Gaskammern und Krematorien der Todeslager, um in hohen Positionen aktiv an der „Endlösung“ mitzuwirken. Stangl übernahm nach Hartheim die Leitung der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, wo ihn seine Leistungen in der Logistik der industriellen Tötung zum „besten Kommandanten Polens“ machten. Im Zeitraum zwischen 1941-43 soll er für den Mord an rund 900 000 Menschen verantwortlich gewesen sein.

1943 wurde er zusammen mit Odilo Globocnik und Christian Wirth sowie weiteren 120 Mann im Adriatischen Küstenland zur Partisanenbekämpfung eingesetzt, da man damit rechnete, dass die meisten dieser Zeugen und Verantwortlichen für die Vernichtung in den Ostgebieten den Kampf nicht überleben würden.

Stangl kehrte jedoch 1945 nach Österreich zurück, wo ihn die U.S.-Behörden festnahmen und im Lager Glasenbach internierten. Zunächst wurde er nur wegen seiner
Anti-Partisanentätigkeit in Jugoslawien und Italien verhört. 1947 wäre beinahe Stangls Freilassung erfolgt, wäre nicht bekannt geworden, dass er zu Beginn des Krieges in Hartheim gearbeitet hatte – im Euthanasieschloss, das gerade erst die österreichischen Behörden zu interessieren begann. Da Stangl der Prozess gemacht werden sollte, wurde er von Glasenbach in ein Untersuchungsgefängnis in Linz überstellt. Von dort gelang ihm jedoch 1948 die Flucht. Mit Hilfe von Bischof Hudal und einem internationalen Pass des Roten Kreuzes, der auf Stangls Namen lautete, reiste er gemeinsam mit seiner Familie zunächst nach Syrien, später dann nach Brasilien aus.

Wiesenthal stieß zum ersten Mal 1948 auf den Namen Franz Stangl, auf einer geheimen Liste der Auszeichnungen, die hohe SS-Offiziere erhalten hatten. Nach gewissen Namen war nur mit Bleistift „geheime Reichssache“ und „für psychologisches Unbehagen“ vermerkt, laut Wiesenthal in der NS-Terminologie eine Verschlüsselung „für besondere Verdienste bei der Technik der Massenvernichtung“. Nach zwei Jahren war Wiesenthal bewusst geworden, welche Wichtigkeit Stangl hatte, und er brachte dessen Heimatadresse in Wels in Erfahrung. Nachbarn berichteten ihm, dass Stangls Frau und die drei Töchter im Mai 1949 abgereist waren; auf zwei Kisten hatte eine Wiener Spedition die genaue Anschrift von Franz Paul Stangl in Damakus, Syrien, angebracht. Erst 1964 erhielt Simon Wiesenthal den Hinweis, dass Stangl als Mechaniker in der Volkswagenfabrik in Sao Paulo arbeitete, von einem ehemaligen Gestapo-Mann, der für diese Information Geld verlangte. Über einen brasilianischen Kontaktmann erfuhr er Stangls Adresse.

Obwohl Stangl inzwischen von Österreich nicht nur wegen des Hartheim-Prozesses, sondern auch wegen seiner Tätigkeit in Sobibor und Treblinka gesucht wurde, wandte sich Wiesenthal mit seinen Informationen zunächst nicht an das österreichische Justizministerium, da er befürchtete, dass Stangl durch zu viele Mitwisser gewarnt werden und untertauchen könnte. Anfang 1967 wurden, in Absprache mit dem damaligen österreichischen Justizminister und einem eingeweihten brasilianischen Politiker, die ins Portugiesische übersetzte Anklage gegen Stangl, sowie ein Auslieferungsansuchen und Akten-Exzerpte vertraulich an den österreichischen Botschafter in Rio de Janeiro geschickt. Unter dem Vorwand, dass seine Tochter Opfer eines Verkehrsunfalls sei, wurde Stangl in ein Krankenhaus gelockt und dort am 28. Februar 1967 verhaftet.

Da Brasilien bis dahin noch nie einen Naziverbrecher ausgeliefert hatte, setzte sich Wiesenthal mit Freunden in verschiedenen Ländern in Verbindung und bat sie, vor den brasilianischen Botschaften Demonstrationen Überlebender zu organisieren. Auch die zuständigen Stellen in Deutschland und in Polen bewegte er dazu, Auslieferungsbegehren an Brasilien zu stellen. Der frühere Justizminister der Vereinigten Staaten, Senator Robert Kennedy, folgte seiner Bitte um Intervention bei der brasilianischen Botschaft in Washington. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und nach zahllosen Interventionen gab die brasilianische Regierung 1967 schließlich dem Auslieferungsansuchen der Bundesrepublik Deutschland statt. Nach langer Vorbereitung begann der Prozess gegen Stangl in Düsseldorf am 13. Mai 1970. Dass Stangl endlich vor Gericht stand, war für Wiesenthal eine besondere Genugtuung, denn nun konnten diesem wenigstens einige seiner Verbrechen, in ihrer ganzen fürchterlichen Abscheulichkeit, vorgeworfen, und die Welt darauf aufmerksam gemacht werden.

Am 22. Dezember 1970 wurde Stangl zu lebenslanger Haft verurteilt, da er „die Ermordung von mindestens 900.000 Männern, Frauen und Kindern beaufsichtigt hatte“. Mit der Auffindung Franz Stangls, dem 1,200.000 Morde zur Last gelegt wurden, und der wegen mehr als drei Viertel von ihnen verurteilt worden war und dem Erreichen von dessen Auslieferung über zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, hatte Wiesenthal Deutschland „seinen wesentlichsten Kriminalfall des Jahrhunderts“ geschenkt. Stangl starb 1971 im Gefängnis.

Brief von Simon Wiesenthal an den brasilianischen Senator bezüglich der Verhaftung und Auslieferung Franz Stangls, 15. Jänner 1967

Deutsche Übersetzung des Briefes an den brasilianischen Senator

 

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