Beispiele wichtiger Fälle

Josef Schwammberger

geboren 14. Februar 1912 in Brixen, gestorben 3. Dezember 2004 im Gefängniskrankenhaus
Hohenasperg in Ludwigsburg

Der spätere SS-Oberscharführer Josef Schwammberger trat bereits 1933 im Alter von 21 Jahren in die damals in Österreich verbotene NSDAP ein. In den Jahren 1941 bis 1943 war er Kommandant der Zwangsarbeitslager Rozwadow und Mielec im Distrikt Krakau und leitete das Ghetto A in Przemysl. 1991 begann ein Prozess gegen Schwammberger in Stuttgart, bei dem er des eigenhändigen Mordes an 12 jüdischen Gefangenen und in 40 Fällen der Beihilfe zu Mord an 3.377 Menschen angeklagt und 1992 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.
Der Weg bis zu diesem Prozess und zur Verurteilung war ein langer und steiniger. Simon Wiesenthal hatte sich mit dem Fall bereits 1947 befasst, als er erste Zeugenaussagen über Schwammbergers Verbrechen in Polen erhielt. Schwammberger war im Juli 1945 in Innsbruck festgenommen und im französischen Anhaltelager Oradour in Tirol inhaftiert worden. Bei seiner Verhaftung wurden in Schwammbergers Haus diverse Schmuckgegenstände im Wert von ungefähr 50.000 RM gefunden. Da viele von diesen mit eingravierten Namen oder Initialen versehen waren, wurde angenommen, dass sie Häftlingen entwendet worden waren. 1948 gelang Schwammberger die Flucht aus Oradour, in der Folge setzte er sich nach Südamerika ab.

Aufgrund der Schließung des Dokumentationszentrums zwischen 1954 und 1961 sowie beschränkter finanzieller Mittel, griff Wiesenthal den Fall Schwammberger erst im Jahr 1963 wieder auf. Er konsultierte zunächst das zuständige Gericht in Innsbruck, wo man ihn informierte, dass sämtliche Wertgegenstände, die man aus Schwammbergers Wohnung konfisziert hatte, vom Gericht um 26.000 Schilling versteigert worden waren. Wiesenthal protestierte gegen diese ungewöhnliche Veräußerung von wichtigen Beweismitteln, die nun verloren waren.
Von einem Informanten, der mit der Familie Schwammberger Kontakt aufgenommen hatte, erfuhr er, dass Schwammberger 1949 mit einem italienischen Reisepass nach Argentinien eingereist war und 1965 dort die Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Auch seine genaue Wohnadresse in La Plata war bekannt. Wiesenthal gab diese Informationen an die für NS-Verbrechen in Galizien zuständige Staatsanwaltschaft in Stuttgart weiter, die 1971 einen Auslieferungsantrag an Argentinien stellte. Von dem dort 1972 ausgestellten Haftbefehl wurde jedoch frühzeitig Meldung gemacht, sodass Schwammberger abermals flüchten konnte. In den nächsten Jahren verfolgte Wiesenthal wiederholt Hinweise zu einem möglichen Aufenthalt des NS-Täters in Kanada, jedoch ohne Erfolg.
Erst 1987 brachte die entscheidende Wende. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hatte eine Belohnung von 250.000 DM für zweckdienliche Hinweise ausgesetzt und das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles eine Liste der zehn meist gesuchten NS-Verbrecher, darunter auch Schwammberger, veröffentlicht. Nach einem Bericht darüber in der argentinischen Presse erhielt die deutsche Botschaft in Buenos Aires eine anonyme Meldung, wonach Schwammberger seinen Wohnsitz in Cordoba hatte. Schwammberger konnte im November 1987 verhaftet werden und wurde nach vielen Interventionen 1990 an Deutschland ausgeliefert.

Simon Wiesenthal, der am ersten Tag der Gerichtsverhandlung in Stuttgart beiwohnte, wurde auf dem Flur des Landgerichts von Mitgliedern der neonazistischen Organisation Nationale Offensive, die die Freilassung Schwammbergers forderten, lautstark beschimpft.

Auszug aus der Abschrift einer Zeugenaussage gegen Josef Schwammberger vom 12. August 1946, Bundespolizeidirektion Innsbruck

Auflistung der geraubten Wertgegenstände, die bei der Verhaftung Schwammbergers in dessen Besitz gefunden und später vom Gericht Innsbruck versteigert wurden

 

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